Außergewöhnliches normaler Alltag

Und dann ist auf einmal so vieles anders…

Juni 6, 2021

Die Sache mit dem Lebensdrehbuch von einem ist manchmal wie mit einer großen Wundertüte. Man muss eigentlich theoretisch allzeit auf alles gefasst sein was passieren kann. Sich in irgendeiner Art und Weise „sicher“ fühlen oder Dinge als zu Selbstverständlich hinnehmen führt meiner Meinung nach oft dazu, dass man nicht mehr die wahren Dinge im Leben zu schätzten weiß, auch nicht mehr das, was einem all die Dinge geben oder eben auch welch eine Bereicherung sie doch sind und man sich glücklich schätzen kann sie zu haben. 

Wie oft missachten wir doch eigentlich Kleinigkeiten, die in Summe auch zufrieden und glücklich machen? Sei es ein Lächeln, das einem sichtbar aus tiefstem Herzen entgegen gebracht wird, sei es ein freundliches Hallo oder Danke, oder sonstiges. Zu viele Gedanken und zu viel Beschäftigung, auch teilweise mit der Suche nach dem „Haken“ oder Negativem im Leben, raubt uns Menschen immer wieder die Zeit offen und frei zu bleiben für so viel anderes.

Ich hatte es hier auf dem Blog mehrfach schon einmal erwähnt. Ich habe früher sehr sehr viel gearbeitet. Unendlich vieles an Zeit in die Arbeit investiert, die mir eigentlich so vieles an Privatleben genommen hat. Und als dann die Sache mit meiner Kopf OP und ich eben nicht mehr so die Leistung bringen konnte wurde ich mehr oder minder von der Firma weggeworfen. Damals hatte ich für mich dann bitter erkennen müssen, dass es keinerlei Dank gab – null. Und das war dann auch für mich der Moment wo ich dachte – „he wenn die OP schief gegangen und ich dabei gestorben wäre, dann hätte es mir die Firma genau so wenig gedankt.“ Ich war in meinem Leben schon auf so einigen Beerdigungen und wenn es für mich eine gebraucht hätte, dann hätten sicherlich viele Menschen gesagt „Die hat aber auch immer viel gearbeitet und jetzt die Sache mit dem Kopf, das war einfach zu viel“. Aber wisst ihr – genau das will ich nicht. Ich möchte nicht, dass ich mal sogar noch auf meiner Beerdigung bemitleidet werde quasi. Ich möchte, dass da mal gesagt wird „Auch wenn ihr Leben nicht immer einfach war, so hat sie doch viel gelacht, tolle, außergewöhnliche Sachen gemacht und ist sich dabei so gut es ging immer treu geblieben“.

Heute vor einer Woche hat mein Leben einen Menschen verloren, der mich mein ganzes Leben begleitet hat. Nicht täglich, aber doch sehr viel und immer wieder. Das Lebensende unerwartet und aus dem Nichts aus dem Leben gerissen. Ohne eine Möglichkeit sich zu verabschieden. Es sind viele trauernde und erschütterte Menschen aus seinem direkten Umfeld zurück geblieben ebenso so manche Fragen nach dem Warum und Wieso. Ich habe die Tage unsere letzten WhatsApp Chats durchgelesen und musste dann unwillkürlich manchmal still vor mich hin lächeln. Wieso? Nun ja, die letzte Nachricht die mich erreichte 24 Stunden vor dem maßgeblichen Ereignis war „Gratuliere zu Erweiterung Deiner Hühnerfarm. Jetzt fehlt noch ein richtig geiler Hahn. Gönne doch deinen Hühnern auch ein bisserl Freude.“ Sorry aber während ich das hier schreibe muss ich schon wieder über die Nachricht lachen biggrin_girl.gifEinfach unvergleichlich und so typisch für diese Person und so manch ihrer Nachrichten. Und wenn ich unseren Chatverlauf all die Jahre durchlese finde ich immer wieder Nachrichten die teilweise ernst, bereichernd, unterstützend und austauschen waren, aber genau so auch wenn notwendig und angebracht einfach erheiternd, bestätigend und lustig (mal von den ganzen Lustigen Videos und Bildern, die irgendwo aus den Tiefen des Internets ausgegraben waren abgesehen smilie_girl_101.gif) Mein ganzes Leben mit begleitet. Auch wichtige Lebensereignisse wie Hochzeit, Kopf OP, die Zeit danach, die Trennung von meinem Mann, das komplette umkrempeln meines Lebens, das „neue“ Leben, meine Hunde und eben auch das aktuelle zu Hause, die Hühner, uvm. Ich denke nur wenige kennen mich so gut wie es hier der Fall war. Auch weil wir ziemlich offen über vieles immer sprachen. Und dieser eine Lebensbegleiter ist nun verschwunden. Unerwartet, aus dem Nichts und auch leider Nichts wird ihn zurückbringen. Warum ich das alles hier schreibe? Weil auch solche Ereignisse leider zum Leben dazu gehören und es mir, nach dem Tod plötzlichen, ebenfalls unerwarteten Todes meines Onkels letztes Jahr im Januar und auch aufgrund meiner eigenen Lebensgeschichte wieder vor Augen geführt hat wie schnell es doch eigentlich vorbei sein kann. 

Was bleibt? Nun es gibt zwei Möglichkeiten in solchen Situationen. Wie vorhin schon gesagt – entweder ihr werdet auf Eurer Beerdigung für Euer Leben, bzw. wie ihr es zuletzt gelebt habt „Bemitleidet“ oder um es mal überspitzt zu sagen „gefeiert“. Ja es ist wirklich so. Wie gesagt – mein persönliches Ziel ist es, dass die Menschen mich mit einem Lächeln in ihrem Gesicht in Erinnerung behalten werden, egal wann und egal auf welche Art und Weise ich einmal sterben sollte. Natürlich ist im ersten Moment immer die Trauer größer und für manche wird es sich auf eine gewisse Art und Weise nicht gehören zu Lächeln und mit Freude an die Person zurück zu denken. 

Aber sind wir doch mal ehrlich – betrachten wir es doch mal realistisch. Der Tod ist nur ein kleiner Bruchteil von einer langen, schönen, gemeinsamen Zeit. Ich finde es nicht fair, wenn man diesem Ereignis mehr Wichtigkeit zurechnet, wie all der Zeit (Jahren), die man zusammen hatte. Ich habe in meinem Leben und der ganzen Zeit so vieles gelernt, auch gerade was die Denkweise gegenüber der Endlichkeit des Lebens betrifft.

Natürlich habe ich auch Momente, wo ich mir manchmal die ein oder andere verstorbene Person wieder herbei wünsche. Es sind dann Situationen, die mir Erinnerungen in meinen Kopf bringen, die mich dann mit einer gewissen Mischung aus Freude, Dankbarkeit, Traurigkeit und einem Lächeln konfrontieren. Das ist nicht immer einfach, aber wenn ich ehrlich bin, sehe ich genau solche Momente auch irgendwo als Geschenk. Ich sehe diese Erinnerungen als Geschenk, denn es ist wunderbar, dass ich sie habe und dass sie mich auch auf eine gewisse Art und Weise in meinem Leben geprägt haben.

Klassische Beispiele sind z.B. Erinnerungen an meine Oma väterlicherseits. Jedes Jahr wenn ich Weihnachtskekse backe und dann Dinge backe, die ich von ihr gelernt habe, fühlt es sich manchmal für mich einfach so an, als ob sie irgendwo in der Küche gerade mit mir backen würde. Und wenn dann Menschen immer noch zu mir sagen, dass die Kekse lecker schmecken und wirklich toll sind, dann erfüllt es mich mit Stolz und Dankbarkeit, denn ich kann die Kekse nur dank meiner Oma. Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn wir mehr und länger zusammen Zeit gehabt hätten, aber sie ist eben genau durch diese Kekse immer noch in meinem Leben. Nicht täglich oder immer, aber eben in genau solchen Momenten, die sie für mich bleibend und besonders gemacht hat. Sie hatte mir zu Lebzeiten auch mehr oder minder prophezeit, dass ich mit meinem (späteren) Mann auf Dauer nicht glücklich werden würde. Sie sagte immer sie wisse das und würde das merken. An meiner Hochzeit lebte sie nicht mehr, aber als ich dann in der Reha war und danach selbst die Erkenntnis hatte, dass die Ehe nicht mehr funktioniert musste ich trotz der widrigen Situation leicht vor mich hin lächeln, weil ich mir genau vorstellen konnte wie sie jetzt sagt “ siehst du, ich habs dir doch gesagt“.  Wir hatten so manchmal unsere Probleme miteinander. Zwei Bergmann’sche Dickschädel einfach, aber uns hat im Inneren doch sehr viel verbunden und wir konnten uns mehr als nur ein bisschen leiden. Manchmal finde ich es schade, dass ich es ihr so nie wirklich gesagt hatte, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass sie das auch so wußte. 

Und mein Onkel, der letztes Jahr im Januar verstorben ist, war jetzt nicht immer präsent in meinem Leben, aber ich werde ihn definitiv nie vergessen. Warum? Weil ich dank ihm meine Begeisterung für den Live Fußball und den SC Freiburg bekommen habe. Ich weiß noch genau wie wir zusammen zum Stadion gingen, er immer mit Trikot, Schal und Mütze und so eingefleischter Fan, dass das nur abfärben konnte ja2.gif Was haben wir doch für tolle Spiele im Fußball Stadion gesehen, was hatten wir doch für teilweise auch hitzige Diskussionen über das ein oder andere Spiel und wie hat uns doch diese Fußball Leidenschaft verbunden. Ich denke noch heute immer wieder daran zurück, wie wir schon gemeinsam in so mancher Bundesliga Saison mit dem SC Freiburg gelitten und gefeiert haben. Eine wunderbare Zeit und eine wunderbare Leidenschaft, die ich heute noch gerne habe – der SC Freiburg. Der wird uns auch mein Leben lang verbinden.

Und wie ist es dieses Mal? Nun, das Ereignis ist noch sehr frisch. Aktuell ist es noch eine Mischung aus Wut, Trauer und Ärger, dass die Person sich so einfach aus dem Staub gemacht hat, auch wenn dies sicherlich nicht so gewollt war und es wird auch sicherlich noch Zeit brauchen, bis hier wieder so etwas wie Normalität einkehren wird. Es kommen auch dann die ersten Situationen, wo man besonders an diese Person dann denken wird und muss und wo es einen Stich versetzt bei genau diesem Gedanken. Aber mit der Zeit werden all die wunderbaren Erinnerungen überwiegen, werden die Erinnerungen uns wieder mehr Lächeln ins Gesicht zaubern als Tränen. Es wird die Zeit kommen, in der sich diese Trauer in reine Dankbarkeit verwandeln wird und die Person durch Erzählungen und gemeinsame Erlebnisse immer wieder recht präsent sein wird. Jeder wird es auf seine ganz eigene Art und Weise verarbeiten, wird eine andere Zeitdauer benötigen um diesen Übergang in Freude und Dankbarkeit zu schaffen. Verdrängen und ständiges Fragen nach einem Warum und Wieso werden diesen Prozess verlängern und es einem selbst unnötig schwer machen, wo ich mir auch sehr sicher bin, dass diese Person das so nicht gewollt hätte. 

Ich für meinen Teil habe mir die WhatsApp Chats ausgedruckt, habe viele Bilder aus der schönen, gemeinsamen Zeit mit all den vielen Erlebnissen. Ich sehe sie wie gesagt als Geschenk. Als wunderbares Geschenk, das mich in so manchen Situationen, Denkweisen und Lebensabschnitten ein Stückweit mit geprägt hat. Ohne die Person ich sicherlich heute nicht genau die wäre, die ich bin. 

Habt ihr Euch schon mal Gedanken darüber gemacht, was die Menschen wohl auf Eurer Beerdigung über Euch sagen würden wenn es hier und jetzt bei Euch vorbei wäre? – Warum ich das so frontal und direkt raus ich Euch hier jetzt frage? Weil ich denke, dass so manche Menschen nicht zufrieden und glücklich sind in ihrem aktuellen Leben. Natürlich weiß ich selbst, dass es nicht immer so einfach geht, das zu machen was einen erfüllt und was einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Aber ganz ehrlich – es ist wirklich wichtig sich genau solche „ich Momente“ zu schaffen und nicht immer alles auf ein „ich würde gerne…“ „mache ich später…“ „irgendwann mal werde ich…“ es geht darum jetzt zu leben und sich jetzt Erinnerungen zu erschaffen. Schön wenn es Erinnerungen mit anderen Menschen zusammen sind, denn diese werden sehr lange Zeit überdauern. Wie sagte Julia Engelmann in einem ihrer Poetry Slams mal so schön „Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen“. smilie_girl_076.gif

Habt einen schönen Sonntag meine Lieben und vergesst nie – Das Leben ist schön, wenn auch nicht immer einfach, aber dennoch absolut lebenswert!

Liebe Grüße

– Michaela

 

No Comments

    Leave a Reply